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Humanas

"Der Wunsch nach einer reinen Mädchenmannschaft kam von den Mädchen selbst"

03.02.2026
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Robert Kegler
Foto: Verein
Katja Müller treibt beim SV Blau-Weiß Zorbau mit großem Engagement die Entwicklung des Mädchenfußballs voran. Im Interview spricht sie über die Anfänge, aktuelle Projekte sowie neue Angebote im Verein.

Frau Müller, wie entstand die Idee, beim SV Blau-Weiß Zorbau gezielt den Mädchenfußball aufzubauen? 

Der Wunsch nach einer reinen Mädchenmannschaft kam von den Mädchen selbst. Sie spielten damals noch in einer gemischten D-Junioren-Mannschaft; das ist inzwischen vier Jahre her. Es gab einen gewissen Konflikt zwischen den Jungen, die vor allem bolzen wollten, und den Mädchen, die die erlernte Technik möglichst eins zu eins und mit großem Ehrgeiz im Spiel umsetzen wollten.

  

Was hat Sie persönlich motiviert, dieses Projekt anzuschieben?

Das große Interesse der Mädchen war und ist meine größte Motivation – besonders, wenn die eigene Tochter dabei ist. Da es im Burgenlandkreis keine Mädchenmannschaften gab, blieben uns im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder nichts zu tun und alles beim Alten zu belassen, was für uns keine Option war, oder selbst aktiv zu werden und etwas auf die Beine zu stellen.

Wir haben uns für Letzteres entschieden – mit dem Ergebnis, dass wir inzwischen in allen Altersklassen, von den Bambinis bis hin zu den B-Juniorinnen, am Spielbetrieb teilnehmen. Die ersten Mädchen aus unserem eigenen Nachwuchs unterstützen seit dieser Saison unsere Frauenmannschaft. Das macht uns natürlich stolz, denn auch dies ist eines der zentralen Ziele unserer Nachwuchsarbeit.

  

Welche größten Herausforderungen gab es in der Anfangsphase beim Aufbau des Mädchenfußballs?

Tatsächlich hatten wir dank Schnuppertraining und Mundpropaganda sehr schnell eine Mädchenmannschaft zusammen. Im Verein stellte sich auch nie die Frage, ob wir das machen wollen, sondern nur, wie wir es integrieren. Ehrlicherweise muss ich jedoch sagen, dass ich nie um Erlaubnis gefragt, sondern einfach gemacht und mit der Mädchenmannschaft Tatsachen geschaffen habe. Dank eines Vereinsvorsitzenden, dessen Tochter ebenfalls einmal aktiv Fußball gespielt hat, gab es von Anfang an Rückendeckung für dieses Vorhaben.

Die Herausforderung bestand damals wie heute darin, dass viele Mädchen erst spät – meist über eine Freundin – zum Fußball kommen und nicht typischerweise nach der Schule auf einem Bolzplatz anzutreffen sind, sondern häufig noch anderen Hobbys nachgehen. Das betrifft jedoch alle Mädchenmannschaften, sodass leistungstechnisch wieder eine gewisse Augenhöhe hergestellt ist. 



Welche strukturellen Hürden mussten und müssen weiterhin überwunden werden?

Wenn man von null auf hundert eine neue Nachwuchsabteilung aufbaut, bringt das zunächst kleinere Herausforderungen innerhalb des Vereins mit sich. Man muss sich dann auch Kommentare von Trainerkollegen anhören wie: „Aber das ist meine Platzzeit, die haben wir schon immer gehabt …“. Hier hilft nur eine konsequente, konstruktive und zugleich kompromissbereite Kommunikation. 

Natürlich lässt sich ein solches Projekt nicht allein stemmen; es braucht ein Team, das mit Leidenschaft und Herzblut hinter dem Mädchenfußball steht. So konnten wir engagierte Eltern gewinnen, die die Trainer-C-Lizenz oder das Kindertrainer-Zertifikat, was bei uns Grundvoraussetzung ist, erworben haben und seitdem Verantwortung für eine Mannschaft übernehmen sowie unser Nachwuchskonzept umsetzen.  Und ja, Nachwuchsarbeit ist nicht kostenlos. Wer sich jedoch perspektivisch eine Herren-Verbandsliga- oder sogar Oberligamannschaft leisten möchte, muss auch in den Nachwuchs investieren – unabhängig vom Geschlecht.

  

Welche Bedeutung hat der Mädchenfußball heute für den SV Blau-Weiß Zorbau insgesamt?

Es sind nicht meine Worte, aber ich zitiere sie sehr gerne: „Der Frauen- und Mädchenfußball ist zum Aushängeschild des Vereins geworden.“

 

Welche Unterstützung erhält der Verein aktuell durch den Fußballverband Sachsen-Anhalt?

Der Verein nutzt sämtliche Unterstützungsangebote des FSA. Beginnend mit dem „Tag des Mädchenfußballs“, der in den vergangenen drei Jahren dreimal durchgeführt wurde, konnte jeweils im Anschluss eine neue Mannschaft für den Trainings- und Spielbetrieb gewonnen werden. Dank der finanziellen Förderung dieser Maßnahme konnten Trainingsmaterialien sowie Trikotsätze angeschafft werden. 

Neue Mannschaften benötigen Trainerinnen und Trainer. Durch den kostenlosen DFB-Basis-Coach-Lehrgang wurde einer Spielerin der Einstieg in die Trainertätigkeit ermöglicht. Mit dem diesjährigen Förderschwerpunkt des Verbandes auf die gezielte Unterstützung von Frauen und Mädchen wird dieser Weg konsequent fortgesetzt. Derzeit befinden sich zwei Mädchen in der Junior-Schiedsrichter-Ausbildung, ein weiteres ist bereits für das Kindertrainerzertifikat „Women only“ angemeldet und ein Mädchen hat eine Bewerbung für ein Stipendium zur Trainer-C-Lizenz eingereicht. Die Ausbildung von Spielerinnen ist das eine, für eine nachhaltige Nachwuchsarbeit gehört jedoch mehr dazu: Es gilt, geeignete Mädchen auch für Tätigkeiten als Trainerinnen oder Schiedsrichterinnen zu begeistern und gezielt zu fördern. Wenn diese Maßnahmen zusätzlich durch den Verband finanziell unterstützt werden, gibt es für den Verein keinen Grund, diese Angebote nicht zu nutzen.  


Wo sehen Sie noch ungenutzte Potenziale in der Zusammenarbeit mit dem Verband?

Ideen gibt es viele. Diese umzusetzen – nicht nur für unseren Verein, sondern für alle Vereine mit Frauen- und Mädchenmannschaften – ist mein persönliches Ziel und zugleich die Motivation für meine Tätigkeit im Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball.

 

Welche Projekte oder Maßnahmen stehen in nächster Zeit konkret an?

Wie bereits erwähnt, steht die Unterstützung der Mädchen bei der Ausbildung zum Kindertrainer-Zertifikat bzw. zur C-Lizenz im Fokus. Außerdem begleiten wir unsere neuen Junior-Schiedsrichterinnen bei ihren ersten Spielleitungen. Neu in diesem Jahr ist die Möglichkeit der Förderung einer Schul- bzw. Hort-AG „Mädchenfußball“ durch den FSA. Daran beteiligen wir uns selbstverständlich. Nach den Winterferien startet das Projekt an einer örtlichen Grundschule. Ein weiterer „Tag des Mädchenfußballs“ ist für Mai in Planung.


Ebenfalls ein Novum ist das „FSA-Fußballcamp GIRLS ONLY“, das vom 20.07. bis 24.07.2026 bei uns in Zorbau stattfindet. Wir sind stolz darauf, dieses Camp ausrichten zu dürfen, und freuen uns auf viele Anmeldungen sowie auf viel Spaß mit den teilnehmenden Mädchen.



Außerdem freue ich mich auf den 1. Regionaldialog des Ausschusses für Frauen- und Mädchenfußball am 13.02.2026 bei uns in Zorbau. Ziel ist es, allen Kreisfachverbänden, Vereinen, unabhängig davon, ob sie Frauen- oder Mädchenmannschaften haben, sowie Interessierten die Angebote des FSA im Fokusjahr vorzustellen. In einem lockeren Austausch sollen Ideen und Wünsche gesammelt und aufgegriffen werden, wo der „Fußballschuh drückt“. Eine gute Gelegenheit, gemeinsam den Frauen- und Mädchenfußball weiterzuentwickeln.

 

Was würden Sie anderen Vereinen raten, die Mädchenfußball aufbauen möchten?

Einfach anfangen und machen! Bestehende Netzwerke nutzen und unbedingt die Angebote des FSA wahrnehmen.


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Mit dem Themenjahr „Frauen im Fußball“ setzt der FSA ein starkes Zeichen für Teilhabe, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit. Das Programm umfasst Maßnahmen und Formate, die Frauen in ihrer sportlichen, persönlichen und beruflichen Entwicklung unterstützen – unabhängig davon, in welchem Bereich des Fußballs sie aktiv sind.



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