Seit 28 Jahren als Schiedsrichter unterwegs

Sebastian, du hast das Landespokalspiel zwischen dem FC RSK Freyburg und dem VfB Ottersleben geleitet. Wie hast du die Atmosphäre und die Intensität der Partie wahrgenommen?
Die Partie war von Beginn an sehr intensiv und emotional. Allein die Rahmenbedingungen – ein kleiner Kunstrasenplatz, ein Flutlichtspiel am Freitagabend und eine große Zuschauerkulisse – haben für eine besondere Atmosphäre gesorgt. Gerade im Landespokal ist die Bedeutung eines solchen Spiels für beide Mannschaften deutlich spürbar, schließlich steht viel auf dem Spiel. Das hat sich auch auf dem Platz gezeigt: Die Zweikämpfe wurden intensiv geführt und insgesamt war eine gewisse Anspannung wahrnehmbar.
Für uns als Schiedsrichterteam bedeutete das, von der ersten Minute an hochkonzentriert zu sein, Ruhe auszustrahlen und gleichzeitig eine klare Linie in der Spielleitung zu verfolgen. In einer solchen Partie ist es wichtig, jede Situation aufmerksam zu bewerten und sich konsequent auf das Spiel zu fokussieren, um jederzeit die Kontrolle zu behalten.
Im Verlauf des Spiels kam es zu verbalen Entgleisungen. Wie erlebst du solche Situationen als Schiedsrichter unmittelbar auf dem Platz?
Solche Situationen sind natürlich unangenehm. Als Schiedsrichter steht man mitten im Geschehen und bekommt gerade bei einer intensiv geführten Partie vieles außerhalb des unmittelbaren Spielgeschehens nicht immer mit. Einzelne Beleidigungen gegen uns als Schiedsrichterteam waren zwar hörbar, spielen für uns jedoch eher eine untergeordnete Rolle. In erster Linie sind wir als Spielleiter vor Ort tätig und leider auch daran gewöhnt, teilweise von außen verbal angegriffen zu werden. Solchen Äußerungen schenkt man daher nur begrenzte Aufmerksamkeit, sofern es der Spielverlauf überhaupt zulässt.
In solchen Momenten muss man die Situation sachlich einschätzen und darf sich nicht von den eigenen Emotionen leiten lassen. Gleichzeitig ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen: Beleidigungen oder verbale Entgleisungen jeglicher Art gehören nicht zum Fußball und sollten auch nicht als „normaler Teil des Spiels“ abgetan werden.
Ergänzend ist festzuhalten, dass weder während noch unmittelbar nach dem Spiel ein offizieller Vertreter einer der beiden Mannschaften an uns herangetreten ist, um uns über die später erhobenen Vorwürfe oder vermeintlichen Verfehlungen zu informieren. Daher bestand für uns vor Ort keine Möglichkeit, entsprechende Sachverhalte unmittelbar zu prüfen oder zu bewerten.
Welche Haltung hast du persönlich zu diskriminierenden, beleidigenden oder menschenverachtenden Aussagen auf und neben dem Fußballplatz?
Für mich ist die Haltung ganz klar: Diskriminierende, beleidigende oder menschenverachtende Aussagen haben im Fußball und grundsätzlich in unserer Gesellschaft keinen Platz. Fußball sollte Menschen verbinden und nicht trennen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder anderen persönlichen Merkmalen.
Natürlich gehören Emotionen, Konkurrenz und unterschiedliche Meinungen zum Sport dazu. Doch dort, wo Beleidigungen, Diskriminierung, Rassismus oder andere Formen der Menschenfeindlichkeit beginnen, ist eine klare Grenze überschritten. In solchen Situationen müssen wir alle Verantwortung übernehmen, hinschauen und Haltung zeigen. Wenn ich entsprechende Vorfälle wahrnehme, dokumentiere ich diese selbstverständlich sachlich und schriftlich, damit die zuständigen Stellen die notwendigen weiteren Schritte einleiten können.
Du bist seit mittlerweile 28 Jahren Schiedsrichter. Was hat dich damals dazu gebracht, zur Pfeife zu greifen?
Angefangen hat alles mit meiner Begeisterung für den Fußball und einer großen Portion Neugier. Ich wollte das Spiel nicht nur als Spieler oder Zuschauer erleben, sondern auch verstehen, welche Gedanken hinter den Entscheidungen auf dem Platz und den Regeln des Spiels stehen.
Deshalb habe ich mich damals entschlossen, selbst die Schiedsrichterausbildung zu absolvieren. Aus diesem anfänglichen Interesse wurde sehr schnell eine echte Leidenschaft. Dass ich nun schon seit 28 Jahren als Schiedsrichter aktiv bin, zeigt wohl am besten, wie viel mir dieses Hobby bis heute bedeutet.
Was hat sich im Umgang mit Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern in diesen 28 Jahren verändert – positiv wie negativ?
In den vergangenen 28 Jahren hat sich vieles verändert. Positiv sehe ich, dass die Schiedsrichterei heute deutlich stärker als eigenständiger und unverzichtbarer Bestandteil des Fußballs wahrgenommen wird. Auch die Ausbildung, Betreuung und Unterstützung von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern haben sich kontinuierlich weiterentwickelt und professionalisiert.
Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass der Umgangston auf und neben dem Platz teilweise rauer geworden ist. Vor allem durch die sozialen Medien werden Entscheidungen oft innerhalb kürzester Zeit öffentlich diskutiert und bewertet. Dabei gerät manchmal in den Hintergrund, dass hinter jeder Entscheidung ein Mensch steht, der innerhalb von Sekunden urteilen muss.
Ich wünsche mir deshalb, dass wir wieder stärker zu einem respektvollen Miteinander finden. Fehler gehören zum Fußball dazu – bei Spielerinnen und Spielern, bei Trainerinnen und Trainern und natürlich auch bei Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern. Entscheidend ist, wie wir miteinander umgehen und aus Fehlern lernen.
Der FSA bietet inzwischen den 14. Junior-Schiri-Lehrgang an. Wie bewertest du ein Format, das junge Menschen frühzeitig und altersgerecht an die Schiedsrichterei heranführt?
Ich halte das für eine sehr gute und wichtige Initiative. Wenn junge Menschen frühzeitig und altersgerecht an die Schiedsrichterei herangeführt werden, können sie ohne großen Druck erste Erfahrungen sammeln und herausfinden, ob ihnen diese verantwortungsvolle Aufgabe Spaß macht. Gleichzeitig lernen sie von Beginn an, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und auch in schwierigen Situationen souverän zu handeln. Das sind Fähigkeiten, die nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch im Alltag und später im Berufsleben von großem Wert sind.
Dass der FSA inzwischen bereits den 14. Junior-Schiri-Lehrgang anbietet, zeigt, wie etabliert dieses Format mittlerweile ist. Viele junge Sportfreunde durfte ich in den vergangenen Jahren als Pate bei ihren ersten Einsätzen begleiten. Es freut mich immer wieder zu sehen, mit welchem Engagement und welcher Begeisterung sie ihre ersten Schritte als Schiedsrichter machen.
Warum lohnt es sich gerade für Kinder und Jugendliche, eine Schiedsrichterlaufbahn einzuschlagen?
Weil man als Schiedsrichter unglaublich viel für das eigene Leben mitnimmt. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, selbstbewusst Entscheidungen zu treffen und auch in schwierigen Situationen ruhig und besonnen zu bleiben. Gleichzeitig entwickelt man sich persönlich weiter und begegnet vielen unterschiedlichen Menschen und Charakteren. Außerdem bietet die Schiedsrichterei die Möglichkeit, den Fußball aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben. Man ist nicht nur Zuschauer, sondern ein wichtiger Teil des Spiels. Und nicht zuletzt macht es einfach Spaß.
Ich kann nach 28 Jahren als Schiedsrichter sagen: Die Schiedsrichterei hat mir sehr viel gegeben. Natürlich gab es schöne, aber auch herausfordernde Momente. Gerade deshalb würde ich jedem jungen Menschen empfehlen, es zumindest einmal auszuprobieren. Niemand muss von Anfang an alles können. Entscheidend sind die Bereitschaft zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich stetig weiterzuentwickeln.



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